Geliebtes Leben, gelebter GlaubePater Clemens Fuhl 1874 – 1935
In der bolivianischen Hauptstadt La Paz vollendete sich am 31. März 1935 ein Leben, das 1874 im unterfränkischen Dorf Aidhausen begonnen hatte, das leben des Pater Clemens Fuhl. Er hat die deutsche Augustinerprovinz geprägt, wie nur wenige vor und nach ihm. Der Prägende Einfluss wirkt auch nach seinem Tode noch weiter.
Medizinisch ist der Fall ziemlich klar: Am Soroche – so wird die Höhenkrankheit in den Anden genannt – ist er am 31. März 1935 gestorben, der damalige Ordensgeneral der Augustiner, der sein Leben lang ein einfach-ärmlicher Bauernbub aus dem unterfränkischen Dorf Aidhausen blieb, der ein ungewöhnlich weitblickender Mann war, der aber am liebsten sein leben lang bescheiden im zweiten Glied gestanden hätte, der indes immer wieder nach vorn geschoben wurde, dorthin, wo die Luft dünn wird und der Kameraden wenige sind, der dort dann auch starb, in der dünnen Luft der Anden, der Pater Clemens Fuhl.
60 Jahre war er alt, als er mit dem Zug nach La Paz fahren wollte, um die dort arbeitenden holländischen Augustiner zu besuchen. Die rein technische Seite eines solchen Unternehmens sieht so aus, dass der Zug sich von Meereshöhe aus auf die Höhe von 4.100 Meter windet, um dann wieder nach La Paz hinunter zu fahren, der mit etwa 3.700 Meter höchstgelegenen Hauptstadt der Welt. Und auf irgendeinem dieser Höhenmeter schlägt der Soroche bei Besuchern aus dem Flachland zu. Unweigerlich. Bei Geschwächten sogar mit tödlicher Sicherheit. Wie bei Pater Clemens, der nur noch einen funktionierenden Lungenflügel besaß.
Der Soroche spannt dem von ihm Heimgesuchten die Gesichtshaut wie ein Trommelfell; er drückt ihm die Augäpfel so weit in die Höhlen, dass es ihm die Lider verspannt; er zieht ihm so viel Blut aus dem Hirn, dass sich seine Gedanken nur noch mit dem Schlafen beschäftigen möchten; er lässt ihn nach einer zu schnell genommenen Treppe nach Luft japsen wie bei einem Anfall von Angina pectoris. Mit Cocatee lassen sich die Symptome am besten bekämpfen, Tee aus den Blättern jenes Strauches, dessen Laub zu einem Prozent aus Kokain besteht. Diese Spuren des Rauschgifts treiben den Kreislauf hoch, beseitigen die infolge Sauerstoffmangels aufgetretenen Kopfschmerzen, halten einen für sechs bis acht Stunden fit, bis der Patient sich nach zwei bis drei Tagen an die Höhe gewöhnt hat. Wie konnte man einem 60-jähirgen Mann mit einer nicht voll funktionsfähigen Lunge solch eine Tortur zumuten? Wer hat dem gesundheitlich angeschlagenen Mann diese mörderische Tour zugemutet? Die Antwort heißt: Niemand, außer er selbst. In Rom war ihm an der Ordenskurie sogar davon abgeraten worden.
Der holländische Augustinerpater Otsen, der damals in La Paz arbeitete, war Zeuge der letzten Tage des Ordensgenerals. Er schrieb, niemand habe damit gerechnet, dass Pater Clemens im Zuge seiner Südamerikavisitation auch nach La Paz hinaufkommen würde. Erst von Santiago de Chile aus telegraphierte er seinen Besuchswunsch. Er war es also selbst, der seine letzte Reise initiierte. Von der Höhenkrankheit, dem Soroche, wusste er offensichtlich nichts.
Aber warum tritt ein Mann mit einer angeschlagenen Gesundheit überhaupt so eine strapaziöse Reise an, die offensichtlich niemand von ihm erwartet hatte? Von ihm selbst gibt es keine Hinweise auf eine Antwort. Sie muss aus den Charakterzügen herausgefiltert werden, die seine Chronisten an ihm schildern. Und da scheint es das Pflichtbewusstsein gewesen zu sein, das ihn nach La Paz trieb. Gewiss, es lebten nur weinige Augustiner in der dünnen Luft der Anden. Niemand hätte es dem kranken Mann übel genommen, wenn er die bei seiner Visitation ausgelassen hätte. Doch er war Oberer des ganzen Ordens, auch des entferntesten Augustiners. Er hatte sich nicht im geringsten nach diesem Posten gedrängt, aber er stellte sich ihm dann mit der letzten Konsequenz, ohne einen Hauch von Wehleidigkeit.
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Der alte Mann hatte sich damit eine Eigenschaft bewahrt, die ihn schon als kleinen Jungen auszeichnete. Am 18. Juni 1874 wurde er in Aidhausen, unweit von Schweinfurt, geboren und erhielt den Namen Vinzenz. Als Landwirt und Töpfermeister konnte der Vater seine Frau, sechs Kinder sowie einen Großvater und eine kranke Tante zwar nicht üppig, aber doch gut über die Tage bringen. Im Alter von 40 Jahren aber starb er, und von da an war die Not Tischgast im Hause Fuhl. Einmal sah Vinzenz seine Mutter weinen. Als er sie nach dem Warum fragte, musste sie ihm gestehen, kein Brot mehr für ihre Kinder im Haus zu haben. Für Extras war bei den Fuhls also überhaupt kein Geld im Beutel. Doch so ein Extra stellte sich der Junge vor, etwas, das Geld kosten würde, denn er wollte Priester werden.
An diesem Punkt tauchte erstmals ein seinem Leben jemand auf, der ihm eine unerwartete Chance gab, bei dem er sich dann mit sorgfältigster Pflichterfüllung bedankte. Sein Heimatkaplan Gregor Schmitt erfuhr von dem Wunsch des Jungen, bereitete ihn auf das Gymnasium in Münnerstadt vor und machte ihn mit dem Prior des dortigen Augusttinerklosters bekannt, mit Pater Pius Keller. Dieser Wiederbegründer der durch die Säkularisation fast völlig zerstörten Augustinerprovinz, wurde für den kleinen Vinzenz Fuhl zur endgültig prägenden Gestalt seines Lebens. Pater Pius besorgte ihm zunächst in Münnerstadt eine Bleibe bei guten Hausleuten und brachte ihn ab 1888 auf einen Freiplatz im Studienseminar unter. Der junge Mann dankte seinen Förderern 1893 mit einem glänzenden Abiturzeugnis. Am 17. September 1893 begann er mit dem Noviziat sein Leben als Augustiner; Novizenmeister war Pater Pius.
Was nun folgt, sind Daten und Fakten, die sich dürr lesen, hinter denen sich aber Stoff für drei Lebensläufe verbirgt. 18.09.1984 Ablegung der einfachen Gelübde. 01.08.1897 Priesterweihe. 1902 Definitor (Berater des Provinzials) und Novizenmeister. 1905 Sekretär des Provinzials. 1908 Klerikermagister. Dann Priorat und verschiedene andere Posten. Schließlich dreimalige Wahl zum Provinzial: 1920, 1924, 1927. Der kirchenmausarme Dorfbub hatte Karriere gemacht. Äußerlich. Innerlich blieb er der kleine Vinzenz, der darum weiß, wie hart es ist, wenn eine Mutter für ihre Kinder nicht genug zu beißen hat. Die Autoren seiner Lebensbilder benutzen daher immer wieder die Begriffe Demut, Treue, Hilfsbereitschaft, Anspruchslosigkeit und Frömmigkeit, wenn sie versuchen, die Ausstrahlungskraft dieses Mannes zu beschreiben.
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Von Natur aus, so sagen sie, sei er eher zurückhaltend gewesen, mehr der beschaulicheren Lebensweise zuneigend als der eines Aktivisten. Das hinderte ihn indes nicht daran, klare Führungsarbeit zuVon Natur aus, so sagen sie, sei er eher zurückhaltend gewesen,leisten, kühne Planungen zu beginnen und auch erfolgreich durchzuziehen. Als er 1920 Provinzial wurde, zählte die deutsche Ordensprovinz 175 Mitglieder. In den Klosterschulen, der Brüderschule, in Noviziat und Klerikat interessierten sich zunehmend mehr junge Leute für den Orden. Sie zu ernähren war im Deutschland der Reparationsjahre und der Inflation äußerst schwierig. Das wagte Pater Clemens den Sprung über den großen Teich, schickte Provinzmitglieder nach Nordamerika, um für die deutsche Provinz Geld zu verdienen. Am 25. Mai 1922 reiste Pater Gelasius Kraus als erster ab. Aus diesem Wagnis erwuchs die heutige kanadische Augustinerprovinz.
1929 fuhr Pater Clemens zum zweiten Mal nach Nordamerika. Wieder, um die dortigen Mitbrüder zu visitieren, doch zugleich mit dem Gedanken, von dort aus die Leitung der Heimatprovinz niederzulegen, was er dann auch tat. Die Zahl der deutschen Augustiner war inzwischen auf 450 angewachsen. Er war froh, die so lange getragene Verantwortung in jüngere Hände übergeben zu können. Seelsorger wollte er sein, nichts weiter. „Der gute alte Mann“ nannten ihn die Amerikaner und beschrieben damit ziemlich genau das, was sich der Bauernbub aus Aidhausen für seine alten Tage vorgestellt hatte.
Bis dann 1931 beim Generalkapitel in Rom die Wahl des neuen Ordensoberen anstand. Der gute alte Mann in Nordamerika wehrte sich mit Händen und Füßen, dorthin geschickt zu werden. Er wurde aber wieder einmal in die Pflicht genommen, er musste nach Rom. Und am 28. September 1931 war er der Generalobere des Gesamtordens. Der beschauliche Lebensabend war vorbei.
Wie gewohnt kniete er sich voll und pflichtbewusst in seine Aufgabe, ohne sich zu schonen. Schonte sich entgegen den Ratschlägen derer, die ihn jetzt plötzlich zur Rücksichtnahme auf sein Alter und seine Konstitution rieten, so wenig, dass er auch die letzten Mitbrüder in den Anden besuchen wollte. Er bestieg in Arica auf Meereshöhe den Zug nach La Paz, der auf knapp 400 Kilometer Luftlinie 4.100 Höhenmeter zu bewältigen hat.
Im Grenzbahnhof Charana auf 4.100 Meter Höhe ist ihm schlecht, er legt sich im Dorfgasthaus zu Bett. Der holländische Augustinerpater Otsen, der ihm und seinen beiden Begleitern entgegen gefahren ist, geht zu ihm aufs Zimmer, spricht kurz mit ihm, sagt: „Gute Nacht, bis morgen.“ Der Kranke nickt, murmelt etwas Entsprechendes. Niemand ahnt, dass es seine letzten Worte sind. Am nächsten Tag, dem 29. März, ist er bewusstlos. In einem Expresswagen der Bahn wird er nach La Paz gebracht. Kurz vor der Einfahrt in die Stadt muss der Wagen anhalten. Ausgerechnet in diesen Minuten weht aus der nahen Salpeterfabrik eine Abgaswolke über die Bahnlinie und belastet den von der Höhenkrankheit Niedergeworfenen noch mehr. In La Paz wird mit Spritzen und konzentriertem Sauerstoff versucht, sein Leben zu retten, doch am 31. März 1935 ist er tot, gestorben an Lungenlähmung.
„Pater“, sagte Pater Clemens einmal einem Mitbruder, „Pater, wenn unsere Zeit um ist, dann ziehen wir uns verschämt in einen stillen Winkel zurück und sind froh, dass die Menschen nicht mehr von uns sprechen.“ Zu Lebzeiten war ihm das nie beschieden und auch heute hat er noch vielen eine Menge zu sagen. Sein Seligsprechungsprozess läuft seit 1962.
Zusammenstellung von Pater Roger Gerhardy OSA. Herausgegeben vom Provinzialat der deutschen Augustiner, Dominikanerplatz 2, 97070 Würzburg, Tel. 0931/ 3 09 70
Der SeligsprechungsprozessSofort nach Pater Clemens Tod geschah in seiner Sterbeklinik ein erstes Zeichen der durch ihn vermittelten Hilfe. Eine Schwester war plötzlich von einem schweren Rheumaleiden geheilt. Der letzte Anstoß für einen Seligsprechungsprozess war die wunderbare Heilung einer Patientin von einer medizinisch unheilbar geltenden Rückenmark-Tuberkulose im Jahre 1938.
1962 wurde beim Bischof von Würzburg der Antrag gestellt, das Verfahren zu eröffnen. Im Jahre 1965 kamen die Akten nach Rom, wie sie als rechtsgültig anerkannt wurden. Die Schriften des Pater Clemens Fuhl wurden geprüft und als positiv bewertet. Weitere Informationen zu Pater Clemens Fuhl
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