Pater Pius Keller OSA (1825 – 1904)Aus seinem Leben erzählt Pater Dr. Michael Wernicke
Am 30. September 1825 wurde dem Ehepaar Johann Keller und Margarete geb. Bauer, einfachen Landleuten, ein Sohn geschenkt, dem sie den Namen Johannes gaben. Die Familie wohnte in Ballingshausen, einem Dorf, das zwischen Schweinfurt und Münnerstadt liegt. In Münnerstadt bezog der begabte Johann 1837 das Gymnasium, absolvierte 1844 als Primus und begann in Würzburg das Studium der Philosophie und klassischen Philologie, das er 1847 mit der Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen erfolgreich abschloss. Am 4. November 1846 war er in das Würzburger Klerikalseminar eingetreten. Am 7. April 1849 legte ihm Bischof Georg Anton von Stahl die Hände auf und weihte ihn zum Priester. Dem jungen Geistlichen wurde eine Kaplanstelle in Königshofen angewiesen. In Münnerstadt erkrankte jedoch Pater Otto Dirnberger so schwer, dass er am 6. Juni 1849 erst 30jährig starb. Er war Lehrer, Professor, wie man damals sagte, am Gymnasium. Für die frei gewordene Stelle empfahl der Prior Pater Prosper Merkle, der ein Vorschlagsrecht hatte, den Johannes Keller. Pater Prosper war selbst Lehrer am Gymnasium, kannte also den ehemaligen Schüler Keller gut. Dieser trat, da der Vorschlag von der Regierung angenommen wurde, noch im April 1849 das Lehramt an und unterrichtete fortan Latein, Griechisch, Deutsch, Französisch und Religion mit Unterbrechungen bis 1897.
Während des Gottesdienstes am Fest des hl. Augustinus, am 28. August 1849, den Keller in einem kleinen Seitenchor über dem Presbyterium der Münnerstädter Klosterkirche knieend mitfeierte, hatte er ein Berufungserlebnis, eine innere, vielleicht mystische Erfahrung, die ihn dazu trieb, den Prior Prosper Merkle um Aufnahme in den Augustinerorden zu bitten. Am 15. Oktober begann er das Noviziatsjahr unter der Leitung von Pater Adeodat Zumwald. Fortan nannte sich Keller Pater Pius. Bereits 1853 wurde er, der Jüngste im Konvent, zum Prior gewählt. 1859 ernannte ihn der Generalprior Paolo Micaleff zum Generalkommissar der Augustinerklöster in Deutschland, von denen es damals freilich nur zwei gab: in Münnerstadt und in Würzburg. Als Pater Pius die Gelübde ablegte, hatten die deutschen Augustiner die Talsohle allergrößter Personalknappheit bereits durchschritten. In Münnerstadt lebten neun Patres und sechs Laienbrüder, in Würzburg waren zwei Priester und vier Conversen. Der älteste der Patres war Pater Adeodat Zumwald, der 1805 geboren 45 Jahre zählte, dem Pater Alois Braun und Pater Gregor Kempf mit jeweils 39 Lebensjahren folgten. Alle Übriegen hatten das 35. Jahr noch nicht erreicht. Von den Brüdern lebte noch Wilhelm Nürnberger, der 1787 geboren der Senior der kleinen Schar war, und der 58jährige Sebastian Busch. Beide wohnten in Würzburg. Die Übrigen waren wesentlich jünger als die beiden. Nach dem Eintritt des Pater Pius floss der Nachwuchs allerdings spärlich. Von 1853 bis 1856 legten noch zwölf Klerikernovizen die Profess ab. Ihnen folgte von 1857 bis 1862 niemand. 1863 weihte sich Dominikus Behr dem Orden durch die Profess, 1866 Ambrosius Kelber, der kurz nach der Gelübdeablegung starb, 1867 der spätere Provinzial Josef Krapf, 1869 Simon Schreck, 1872 Ferdinand Weckert, der bereits Priester, in die Diözese Würzburg übertrat und als Pfarrer von Brendlorenzen starb, und 1873 Possidius Metzler. In der langen Periode von 1857 bis 1873 waren es also vier Priester, die sich dauerhaft dem Orden verbanden.
Trotz der geringen Mitgliederzahl wagte Pater Pius 1864 eine Neugründung in Germershausen, dem Wallfahrtsort zu Maria in der Wiese, gelegen im katholischen Eichsfeld, damals zum Königreich Hannover gehörig, 1866 von Preußen annektiert, wodurch es in den Strudel des Kulturkampfes geriet und aufgelöst wurde, was dem Pater Pius herbe Enttäuschung bereitete; denn für diese Gründung hatte er gearbeitet, gebetet und gelitten. Er hatte wohl die Hoffnung daran geknüpft, ein Kloster nach seinen Vorstellungen zu errichten. Münnerstadts eingefahrene Gleise schienen ihm eine zu bequeme Fahrt zu garantieren. In einem Artikel, den Pater Alois Braun zu Werbezwecken geschrieben hatte, ist von einer Gratifikation von 150 Gulden die Rede, welche den Patres Professoren zur Verfügung stünde, von einer Maß Bier zu Mittag und einer Bouteille Wein am Abend und von Wohnungen, die im Vergleich zu denen in anderen Klöstern elegant zu nennen seien. Vor allem das Geld, das die Patres verdienten und behielten, war dem reformeifrigen Pius ein Dorn im Auge . Er wollte die persönliche Armut, wie sie die Regel vorsieht und wie sie Voraussetzung für das vollkommene gemeinsame Leben ist, und setzte sie schließlich auch durch. Um dem Nachwuchsmangel abzuhelfen fing Pater Simon Schreck an, Interessierte in Privatstunden auf das Gymnasium vorzubereiten. Nach einigen Fehlschlägen war Andreas Kraus der Erste, den 1885 Pater Simon unter seine Fittiche genommen hatte und der tatsächlich als Frater Gelasius die Profess ablegte, Lehrer am Gymnasium wurde und in Amerika Pionierarbeit für Niederlassungen der deutschen Augustiner leistete. Das war der Beginn der Klosterschule, die sich, nachdem Pater Pius mit den Behörden verhandelt hatte, 1890 mit allen nötigen staatlichen Genehmigungen etablieren konnte. Von 135 Zöglingen, die das Institut bis zum ersten Weltkrieg durchliefen, sind zwar nur 25 wirklich Augustiner geworden. Die Klosterschule trug dennoch wesentlich dazu bei, dass die Zahl der Ordensmitglieder in Deutschland langsam, aber stetig wuchs.
Nach eigenen Aufzeichnungen des Pater Pius waren 1888 im Kommissariat 20 Priester, ein Kleriker, ein Klerikernovize und 25 Laienbrüder, die sich auf vier Klöster verteilten: Münnerstadt, Würzburg, Germershausen, das der Orden wieder beziehen konnte, nachdem Bismarck mit Papst Leo XIII. seinen Frieden gemacht hatte, und Fährbrück. Am 2. Oktober 1895 konnte das Generalkapitel in Rom die bayerisch-deutsche Ordensprovinz errichten, und Pater Pius zum ersten Provinzial wählen. Am 29. Dezember desselben Jahres zählte Pater Pius noch einmal die Häupter seiner Lieben: 27 Patres, 13 Kleriker, fünf Klerikernovizen waren es. Die Namen der Laienbrüder nennt er nicht. Es waren jedoch gewiss ihrer 30. Pater Pius erlebte noch, wie 1902 das Kapitel der neu errichteten Provinz einen neuen Provinzial wählte, seinen Nachfolger: Pater Vinzenz Schneider. Am 15. März 1904 starb Pater Pius Keller, hoch verdient um Kirche und Orden, bekannt und angesehen in der ganzen internationalen Familie der Augustiner.
Aus augustiner.de Nr. 11 – März 2004 Zum Gedenken an den 100. Todestag von Pater Pius Keller
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